Kulturdatenblatt

Typen und Sortenkunde

Weitere Namen und Bezeichnungen

Die Kartoffel hat unendlich viele Namen, welche sich aber in drei Gruppen ordnen lassen:

Ableitungen von "Tartuffo" und "Tarathopholi" (italienisch für Trüffel), wie Tartuffeln, Toffeln und unser gängigstes Wort Kartoffel,
Ableitungen vom Inkawort "Papas" und vom haiitischen "Batata", wie Pataten, Potacken (wobei die Europäer seit der Bekanntschaft mit Kartoffel und Süßkartoffel, beide semantisch miteinander verwechselten) und schließlich

Beschreibungen der Form und des Wuchsorts, wie Erdbirne und Erdapfel. Aus letzteren ist dann durch Verkürzung in fränkischen Dialekten z.B. "rpfl und Grumbärn (Grundbirne) geworden und im französischen Pomme de Terre.

Handelstypische Unterscheidung

Auf dem Markt werden Speisekartoffeln verkauft: Ob dabei eine Kartoffel als "mehlig" oder "festkochend" gilt, hängt von der Menge und Beschaffenheit der Stärkekörner ab. Je mehr Stärke und desto länger ihre Ketten, desto mehliger und trockener ist die Knolle. Jedoch werden im Verlauf der Lagerung in jeder Knolle langsam Glucosemoleküle zu komplexen Stärkeketten zusammengebaut. Darum werden selbst festkochende Sorten nach monatelanger Lagerdauer mehliger. Früher hat man aus frischen Kartoffeln eher Salat, Salz- und Pellkartoffeln zubereitet und mit altlagernden dann Klöße, Knödel, Kartoffelpuffer und Kartoffelbrei. Die moderne Züchtung versucht dieser Eigenschaft entgegenzuwirken und legt auf sogenannte Lagerstabilität wert: es werden also nur die Pflanzen ausgelesen, deren Stärke bei der Lagerung möglichst lange stabil bleibt.

Der Lebensmittelhandel unterscheidet darüber hinaus allgemein zwischen Frühkartoffeln (oft aus dem Ausland importiert) und Lagerkartoffeln. Dicke Schalen sind eher ein Zeichen von Lagerkartoffeln, dünne Schalen von Frühkartoffeln. Wobei moderne Sorten insgesamt dünnere Schalen haben, als althergebrachte.

Die Speisesorten unterscheiden sich neben der Schalenfarbe auch in der Knollenform und darin, wie tief die schlafenden Augen liegen. Kartoffeln mit unregelmäßiger Form und tiefliegenden Augen sind schwerer zu schälen.

Nur in der Gourmetküche geht es nach Geschmack, denn jede Sorte hat ihren eigenen, der je nach Boden und Anbaugebiet unterschiedlich ausfällt. Leckere Kartoffeln schmecken schon mit einer Flocke Butter und einer Priese Salz.

 Veredelungskartoffeln: Weitere Sorten stehen für Veredelungskartoffeln zur Wahl, etwa speziell für Pommes Frites oder Chips (z.B. 'Bintje').

Industriekartoffeln: Darunter versteht man spezielle Stärkekartoffeln, welche sehr spät geerntet und dann industriell weiterverarbeitet werden. Aus der extrahierten Stärke wird Speisestärke (Mondamin ®) oder kompostierbare Verpackungen und Füllstoffe für Farben und Lacke hergestellt.

 

Futterkartoffeln: Das sind keine speziellen Sorten, sondern hier handelt es sich um die aussortierten, für den menschlichen Genuss nicht verwertbaren Knollen, mit denen man seit eh und je die Schweine, Hühner und Gänse gemästet hat. Diese werden von Kartoffeln verarbeitenden Betrieben den Landwirten sogar angeboten. Auch den Tieren hat man nur gekochte Kartoffeln gegeben!

 

Süßkartoffeln gehören zu einer völlig anderen Pflanzenfamilie, den Windengewächsen. Botanisch nennt man sie Ipomea batatas. Aber auch sie kommt aus Amerika und wurde in Europa vielfach mit den echten Kartoffeln verwechselt, was sich bis heute im botanischen Artnamen ausdrückt! Sie kommt aus den Tropen.

Vorfahren und lebende Verwandte

Solanum tuberosum wird allgemein in 2 Unterarten mit wiederum unzähligen Formen oder Varietäten eingeteilt. S. tuberosum ssp. andigenum, die Andenkartoffel stellt die Unterart aus dem Hochland dar, welche sehr früh noch um 1540 in die alte Welt verbracht wurde. S. tuberosum ssp. tuberosum gedeiht im feucht warmen küstennahen Tiefland und besitzt natürliche Resistenzen gegen Kraut- und Knollenfäule.

Heutzutage geht man von ca. 100 weiteren Arten Wildkartoffeln aus, welche taxanomisch in der Sektion Petota zusammengefasst wurden.

Einer molekularphysiologischen UntersuchungX) zufolge sind die allernächsten Geschwister von Solanum tuberosum, S. brevicaule, S. bulbocastanum, S. doddsii, S. pinnatisectum, S. phureja und S. stenophyllidium.

Von den Indigena werden neben Solanum tuberosum auch S. ajanhuiri, S. chaucha, S. curtilobum, S. juzepczukii, S. phureja und S. stenotumum zum Genuss angebaut. Erst seit kurzem kennt man die Art S. diemjj aus Patagonien, welche wild und kultiviert verspeist wird X).

Sorten und Herkünfte unterscheiden sich noch ganz entscheidend in ihrer Photoperiodizität. Für unsere Breiten sind tagneutrale Pflanzen zu bevorzugen.

Kreuzungsmöglichkeiten

In der Kartoffelzucht werden die Resistenzen von Wildkartoffeln eingekreuzt. Aus diesen, als auch aus Sortenkreuzungen gehen regelmäßig neue Sorten hervor.

Da Wildkartoffeln hierzulande aber schwer erhältlich sind und schon gar nicht feldmäßig angebaut werden, sind auf dem Acker praktisch keine Kreuzungen zu erwarten.

Auch zufällige, aber natürliche Kreuzung zwischen Sorten sind selten, da die Kartoffel überwiegend selbstbestäubend ist und zudem die meisten Sorten keine Früchte mehr ansetzen.

 Die konventionelle Züchtung einer Kartoffelsorte dauert circa 12 Jahre, weil man über Generationen die richtigen Vater- und Mutterpflanzen miteinander künstlich kreuzen und anschließend testen muss. Das macht man entweder händisch oder folgendermaßen: Mutterpflanzen dürfen zwar später blühen, werden aber im Knospenstdium zuvor sterilisiert, das heißt, die Staubbeutel werden mühsam bei jeder Blüte ausgerupft. Neben den Mutterpflanzen werden Reihen mit den gewünschten Vaterpflanzen angebaut. Die Mutterpflanzen können sich nun nicht mehr selbstbestäuben und müssen sich notwendigerweise von den Vaterpflanzen bestäuben lassen. Die Beeren werden dann nur von den präparierten Mutterpflanzen geerntet.Viele heute auf dem Markt erhältliche Sorten haben einen sehr hohen Verwandtschaftsgrad, denn sie sind aus Sortenkreuzungen untereinander hervorgegangen:

Ein Beispiel dafür sind die Sorten 'Linda', 'Quarta', 'Ditta' und 'Agria', welche durch die Lüneburger "Kartoffelzuch Böhm GmbH & Co. KG" (heute EUROPLANT Pflanzenzucht GmbH) ausgelesen wurden:

'Munsteren' x 'Fransen' = 'Bintje'

'Quarta' x 'Bintje' = 'Ditta'

'Quarta' x 'Semlo' = 'Agria'

'Agria' x 'Wischip' = 'Vigor'

 

Sorten aus dem 19. Jahrhundert

LUCAS (1846): "Es gibt eine Menge Spielarten, welche nach der Farbe in drei Hautgruppen: blaue, rothe und gelbe Kartoffeln, sowie in runde, längliche und lange eingetheilt werden. Man unterscheidet ferner nach der Reife frühe und späte Sorten:

  1. Frühe Sorten: Amerikanische früheste Rosa-K., eine der allerfrühesten und besten Sorten, Erfurter früheste runde K., sehr gut, Gelbe Pfullinger Früh-K., vorzüglich, Pattersons frühe blaue K., Frühe englische Treib-K., Rothblau marmorirte K., Frühe rothe Nieren-K., Preis von Holland, Bisquitkartoffel (eine der delikatesten Sorten), die Rio frio, die Farinosa, Röthliche Zwiebelkartoffel;
  2. Mittelfrühe und späte Sorten: die Zucker- oder holländische K., die Mandel-K., die Lerchen-K., Blaue Filder-K. (sehr gut und sehr lange haltbar), die Circasienne, sehr gut und sehr haltbar, Pattersons Vicotoria, hält sich bis in den Juni zart und mehlig. Manche sonst gute Sorten sind der Kartoffelkrankheit fast ganz erlegen und nicht mehr zu erhalten.

SCHLIPF (1859): Von den Kartoffeln kennt man sehr viele verschiedene Sorten, die sich durch Farbe, Größe, Form, Güte ec. von einander unterscheiden, ... . Zu den guten einträglichen Kartoffeln zählt man die frühe hellrothe oder Pfälzerkartoffel, ferner die Zwiebelkartoffel, die gelbe, runde, rauhäutige, welche in Württemberg unter dem Namen Gruber bekannt ist, die runde, rothe, rauhhäutige; die beste Kartoffel zum Verspeißen aus der Hand ist besonders die blaue, die sich am längsten aufbewahren läßt, aber einen geringeren Ertrag als die gelben und rothen gibt…. Zu den am meisten ergiebigen Sorten gehören die englischen und holländischen Viehkartoffeln, so wie die sogenannte Rohanskartoffel. Als vorzügliche Frühkartoffeln dürfen empfohlen werden: die sogenannte Gurkenkartoffel, die Pfullinger Frühkartoffel, die Frühgruber, die rothe Jakobikartoffel, die Canstatter Kartoffel.

JANSON (1904): Beste Frühkartoffeln: Rosarote Juni-Kartoffeln, Kaiserkronen, Paulsens Junikartoffeln, Sechs-Wochen-Nierenkartoffeln.

LANGE (1912): Eine Auswahl von Kartoffelsorten zu geben hat deshalb keinen Wert, weil einzelne derart lokal sind, daß sie für andre Gegenden nahezu wertlos zu sein scheinen. … Einzelne Arten sind vielerorts gleichbeliebt, so die Lercheneier-, Biskuit-, Dabersche Kartoffel, Magnum bonum, späte weiße Nierenkartoffel, Schneeflocke und die runden Sechswochenkartoffeln, Rosenkartoffeln, Deutscher Reichskanzler, Kaiserkrone (früh), Schulmeister.

GROSS (1918): Als anerkannte gute Frühkartoffelsorten wären folgend zu nennen: Perle von Erfurt, gelbes Fleisch, gelbe Schale Flachäugig, länglich: König der Kipfler, neu, lang, gelbfleischig; Wiener Kipfler; Perle von Savoyen, hellrosa, Fleisch weiß; Zampe's Malschwitzer frühe, sehr beachtenswert; Paulsens Juli, weißschalig, gelbfleischig, flachäugig, sehr empfehlenswert: Kaiserkrone, weiße Schale und weißes Fleisch, sie ist ziemlich ertragreich, bekommt aber auf feuchterem Lande einen weniger guten Geschmack; Zwickauer frühe, Schale weiß, Fleisch gelb, gut im Ertrage, jedoch etwas empfindlich; frühe, lange Sechswochenkartoffel, weiß, gelbfleischig, Ertrag gut bescheiden, Maikönigen, Schale rot, Fleisch weiß; frühe rote Rose (Early Rose), Schale rot, Fleisch weiß, gut im Ertrag, für Frühkartoffelmassenbau sehr geeignet; Biskuit, rotschalig, weiß, im Ertrag gut; frühe Blaue, einst eine beliebte Sorte, Ertrag bescheiden, sehr früh, blauschalig, Fleisch weiß. Anschließend seien erwähnt: Triumpf, gelbweiß; Paragon, weiß; Schneeflocke, weiß, Stella weißfleischig; Paulsens Alpha, weiß u.a.m.

Sorten aus 'Roter Liste'

'Ackersegen'; 'Augsburg Gold'; 'Bamberger Hörnchen'; 'Berlichingen'; 'Capella'; 'Flämingskost'; 'Flämingsstärke'; 'Heideniere'; 'Hessenkrone'; 'Hirschbergrain'; 'Hörnchenförmige Frühkartoffeln'; 'Königsblau'; 'Magdeburger Blaue'; 'Marne'; 'Mehlige Mühlviertlerin'; 'Oberarnbacher Adelheid'; 'Oberarnbacher Frühe'; 'Ora'; 'Rheinische Rote'; 'Rote aus dem Frankenwald'; 'Schwarzblaue aus dem Frankenwald'; 'Sommernieren'; 'Tannenberg'; 'Vierzigjährige Passauer'

Sorten für den Bioanbau 2022 von FIBL empfohlen

Keine, da Kartoffeln nach Ansicht FIBL nicht zum Gemüse zählen

National angemeldete Erhalter- und Amateursorten 2022

'Ackersegen'; 'Bamberger Hörnchen'; 'Dottenfelder Novira'; 'Erna'; 'Heideniere'; 'Reichskanzler'; 'Rosemarie'; 'Schwarz Blaue Frankenwälder'; 'Vogtländische Blaue'

Open-Source-Sorten

'Feeka'; 'True Potato Seed'

Sorten aus fremden Ländern für Jäger und Sammler

'La Ratte'; 'Blaue St. Galler'; 'Shetland Black'

Sorten, die Geschichte schrieben

'Lumper' (1806)

'Burbanks Potato' (um 1872)

'Linda' (1974 u. 2007)

Unter dem Namen 'Linda' gibt es auch eine Auberginensorte!

Auslesekriterien und Saatgutgewinnung

Merkmale alter Sorten

Höherer Gehalt an Glycoalkaloiden (überwiegend Solanin) im Vergleich mit modernen Sorten.

Größere und damit unsichere Schwankungsbreite von Giftstoffen pro Vegetation.

Geschmack: Sauer-Bitter (dann ist Vorsicht geboten! Grüne Schalen bei wirklich alten Sorten müssen weggeschnitten werden).

Hingegen kann man sich mit den modernen Sorten praktisch nicht mehr vergiften, auch wenn schlecht abgedeckte Knollen grün geworden sind.

Während des vegetativen Wachstums
  • Toleranz gegenüber kühlen Temperaturen im Frühjahr
  • Schneller Bestandsschluss und gute Krautentwicklung
  • Abwehrkräfte gegen Kraut- und Knollenfäule und andere virale, pilzliche und bakterielle Krankheiten (Schorf, Krebs, etc.)
  • Abwehrkraft gegen Nematoden
Während des generativen Wachstums
  • Beginn der Blüte bzw. Beginn des Knollenwachstums und Hauptzeit des Knollenwachstums (Früh- und Lagerkatoffeln)
  • Man darf schon froh sein, wenn das generative Wachstum sich auch im Beerenansatz zeigt, denn alle generativen "Kräfte" sind in den modernen Sorten in die Knolle "umgeleitet" worden, also in die vegetative Vermehrung
Nach der Ernte in Genussreife

Knollen:

  • Lagerfähigkeit (stabile Stärke)
  • Giftgehalt (möglichst wenig und möglichst bei jeder Wachstumsbedingung gleich viel Glycoalkaloide, wie Solanin)
  • Kochtyp (fest, mehlig)
  • Farbe, Form und Größe
  • Schalendicke und Lage der Augen
Nach der Ernte des Saatguts
  • Keim- und Triebkraft des Saatguts
  • Haltbarkeit
UPOV Test Guideline

No. 23

Vorschlag für unkonverntionelle Züchtungsansätze

Bisher ist die berühmte "Tomoffel" noch niemanden marktreif gelungen, aber vielleicht glückt es ja jemanden, Kartoffeln zu züchten, die zuverlässiger Früchte ansetzen und deren Früchte zumindest, wenn sie entbittert werden, etwa wie Salzgurken eingelegt, genießbar werden. Auch die als Marke eingetragene TomTato ® ist in Wirklichkeit eine Cherrytomate, welche auf einer Kartoffel veredelt wurde, d.h. keine wirkliche Arthybride. Deswegen können die Vertreiber auch damit werben, dass diese Tomatenkartoffel gentechnikfrei ist.

Technisch-Gentechnische Vergewaltigungs- und Forschungsansätze

Die Sorte 'Amflora' gehört BASF. Sie ist eine Industriestärkekartoffel, die gentechnisch so verändert wurde, dass sie nur noch einen Typ Stärke, nämlich Amylopektin enthält. Sie wird europaweit nicht mehr angebaut. X)