Kulturdatenblatt

Typen und Sortenkunde

Typen und Variationen

In den deutschsprachigen Ländern ist die Tomate erst seit 120 Jahren im Anbau und hat sich vom verrufenen Außenseiter über die potenzsteigernde Liebesfrucht zum liebsten Gemüse entwickelt. Die Züchtungsgeschichte geht in den Ursprungsgebieten aber viel weiter zurück, wahrscheinlich auf mindestens 1300 Jahre.

Es gibt verschiedene Wuchsformen, aber auch Unterarten oder Varianten: Buschtomaten haben ein begrenztes Wachstum ähnlich dem der Buschbohnen. Stabtomaten hingegen wachsen »unendlich« oder zumindest, bis es zu kalt wird.

Ansonsten werden die Tomaten nach ihrer Fruchtgröße eingeteilt. Da gibt es die sehr großen Fleisch-, die runden Salattomaten und die kleineren Cocktail- und Kirschtomaten, die sich alle untereinander kreuzen können. Auch in der Anzahl der Kammern unterscheiden sich einzelne Sorten, so gibt es welche mit nur zwei und solche mit fünf Kammern.

Farblich weisen Tomaten ein weites Spektrum auf – von Hellgelb über Gelb zum klassischen Rot, sogar lilaschwarze Tomaten gibt es.

Was sich viele wünschen, ist allerdings noch nicht gelungen: die Kreuzung von Kartoffel und Tomate. Bei Tomaten kann man den Versuch starten, mit Hybriden weiterzuzüchten, man sollte sich also nicht vom Aufdruck »F1« auf einer Samenpackung abschrecken lassen.

Wie ist es mit der Sortenvielfalt 2021 bestellt?

Trägt die Tomate zur Nutzpflanzenvielfalt bei?

Bewiesen ist, dass die Kulturtomaten, auch wenn wir heute tausende von Sorten kennen, im Vergleich mit ihren nächsten freien Verwandten genetisch verarmt sind X).

Ihre Vorfahren und wilden Verwandten sind noch überwiegend selbstincompatibel und haben lange auf Fremdbefruchtung setzende Stempel X) . Damit wäre die Selbstbestäubung eine dem Domestikationsprozess geschuldete Degenerationserscheinung, wie es z.B. auch die Schlappohren bei Hunden sind.

Trotzdem gibt es weltweit Tomatenfans, die teils rauschende Feste um ihre Beere feiern, z.B. bei La Tomatina X) genannten Tomatenschlacht in Spanien oder dem das Paradeiser-Fest 2016 in Schönbrunn: ARCHE NOAH der wohl bekannteste europäische Verein zur Erhaltung der Kulturpflanzen resümiert "Ein tolles Fest!" X) Unbestritten ist die Ausstellung von hunderten Tomatensorten beeindruckend. Allerdings trägt sie oberflächlich betrachtet kein bisschen zur Erhaltung von gefährdeten Nutzpflanzen bei: Tomatenfans gibt es weltweit und die Tomate ist derzeit die letzte Kulturpflanze die in ihrer Art oder Sortenvielfalt ausstirbt. Dafür gibt es einfach zu viele Sammler, Fans und Anbieter. Unzählige Internetseiten und Facebook-Gruppen beschäftigen sich mit den Beeren. Ganze Kochbücher und sogar Redewendungen und Songs (siehe Merker) sind nur über diese eine Frucht erdacht worden. Dabei scheren sich die meist semiprofessionellen Anbieter von Tomatensaatgut wenig um die einschlägige Gesetzgebung. Wer schaut wirklich nach, ob die Sorte in den Saatgutverkehr gebracht werden darf? Wer erhält die Sorte nach allen Regeln der Züchtungskunst? Und wo fängt der gewerbliche Anbau bzw. Vertrieb an? Da findet zum großen Teil eine recht lockere Auslegung der Saatgutgesetzgebung statt, meine ich. Rein rechtlich gesehen ist das zwar problematisch, aber moralisch betrachtet sehe ich in diesem Handeln die Möglichkeit echte Vielfalt zu bewahren und neu zu schöpfen. Aber nur, wenn wir das Gleiche mit anderen Kultur- und Nutzpflanzen auch machen: Lasst uns alle Nutzpflanzen mit dieser Freiheit vermehren!

Weitere Namen und Bezeichnungen

Die Früchte werden in Östereich "Paradeiser" und in Deutschland "Tomaten" genannt. Früher sagte man auch "Liebesapfel".

Die Gattung wird einmal Solanum und ein andermal Lycopersicon genannt. Dem Gattungsnamen folgt als Artname lycopersicum oder esculentum.

Gemäß FloraWeb ist der aktuelle Name der Tomate Solanum lycopersicum, mit den berechtigten Synonymen Lycopersicon esculentum und Lycopersicon lycpersicum.

Sowohl das Bundessortenamt, die EU Plant variety database als auch UPOV/WIPO benutzen Solanum lycopersicum; die Rote Liste und das Handwörtebuch von Zander (2008) jedoch Lycopersicon esculentum.

ZANDER (2008 )unterscheidet zusätzlich folgende Varietäten (var.): esculentum, cerasiforme, pimpinellifolium und pyriforme.

Die Kulturtomaten werden kommerziell  nach Wuchsform, Anbaueignung, Fruchtgröße und Fruchtfarbe eingeteilt:

Es gibt endloswachsende Stab und begrenzt wachsende Buschtomatensorten.

Es wird zwischen Freiland und Gewächshauseignung unterschieden.

Die Fruchtgröße wird in durchschnittlichen Gramm angegeben. Auch die Form ob rund, dattel- oder birnenförmig spielt eine Rolle. Weitere für den Handel wichtige Attribute sind: (Mittelggroß, Rispen, Fleisch, San Marzano, Cocktail, Cherry, Datteln, Pflaumen.

Farblich weisen Tomaten ein weites Spektrum auf, von weißlich Gelb über Sonnengelb zum klassischen Rot, rosa und sogar Lilaschwarz, welche natürlicherweise X) durch einen gestörten Chlorophyllabbau und nie durch die Bildung von Anthocyanen entsteht (z.B. Black Krim).

Hinsichtlich der Verarbeitung wird zwischen Konserven- getrockneten/pulverisierten und Frischtomaten differenziert.

Auch in der Anzahl der zusammengewachsenen kammernbildende Fruchtblätter unterscheiden sich einzelne Sorten, so gibt es welche mit nur zwei und solche mit fünf und mehr Kammern.

Kreuzungsmöglichkeiten

Vorfahren und nahe Verwandte

Gattung Solanum (respective Lycopersicon)

  • S./L. cerasiformae
  • S./L. cheesmaniae
  • S./L. chilense
  • S./L. habrochaites
  • S./L. humboldti
  • S./L. peruvianum
  • S./L. pimpinellifolium
Sorten vor 120 Jahren

'Johannisfeuer'; 'Königin der Frühen', 'Alice Roosevelt', 'Großfrüchtiger Roter', 'Courtet', 'König Humbert', 'Wunder von Italien', 'Mikado', 'Präsident Garfield', 'Triumpf des Marktes', 'Ficcarazzi'

'Großer Gelber', 'Ananas', 'Goldball', 'König Humbert', 'Lemon Blush', 'goldgelber Trophy'

Groß empfihlt für den Samenbau 50 m Entfernung zwischen Sorten. Und kennt schon weiße, pfirsichfarbene und lila Tomaten. Empfiehlt für die Samengewinnung nur am Stengel ausgereifte Früchte zu nehmen.

Sorten aus Roter Liste

'Acme'; 'Alice Roosevelt'; 'Allerfrüheste Freiland'; 'Augusta'; 'Beste von Allen'; 'Beymes Erntesegen'; 'Bides N.C.O'; 'Birnförmige gelbe'; 'Bison'; 'Bistro'; 'Blondköpfchen'; 'Blumenstrauß'; 'Bonner Beste'; 'Break o day'; 'Burbank Preserving'; 'Bymes Erntesegen'; 'Champion'; 'Colossal'; 'Columbia'; 'Comet'; 'Crimson Cushion'; 'Dänischer Export'; 'Delikatess gelbe'; 'Deutscher Fleiss'; 'Dominator'; 'Dwarf red'; 'Earliana'; 'Earliest of All'; 'Early Market'; 'Early Sunrise'; 'Erste Ernte'; 'Fanal'; 'Favorit'; 'Ficarazzi'; 'Fleischtomate'; 'Frührot'; 'Gelbe Pflaume'; 'Gelber runder kleiner'; 'Gnom'; 'Goldball'; 'Golden Perfektion'; 'Graf Zeppelin'; 'Greater Baltimore'; 'Große rote'; 'Gundula'; 'Harzer Kind'; 'Hellperle'; 'Idol'; 'Ilona'; 'Immun'; 'Impuls'; 'Islebia'; 'Isolde'; 'Johannisbeerfrüchtige rote'; 'Johannisfeuer'; 'Jubiläum'; 'Julimatador'; 'Kondine Red'; 'König der Frühen'; 'König Humbert'; 'König Humbert gelb'; 'König Humbert weiß'; 'Königin der Frühen'; 'Lemon Blush'; 'Long-keeper'; 'Lukullus'; 'Lyconorma'; 'Lycoprea'; 'Magnum Bonum'; 'Marktwunder'; 'Matador'; 'Mikado scharlachrot'; 'Money Maker'; 'Nadja'; 'Nesthäkchen'; 'New Penn State'; 'Noroton'; 'Novato'; 'Perfekta'; 'Pflaumenförmige gelbe'; 'Pflaumenförmige rote'; 'Phyra'; 'Pilot'; 'Ponderosa scharlachrot'; 'Ponderosa violettrot'; 'Potentate'; 'Präsident Garfield'; 'Pritchard'; 'Purpurkönig'; 'Radio'; 'Red Plum'; 'Renate'; 'Resista'; 'Rheinlands Ruhm'; 'Rosalind'; 'Rote frühe Zwerg'; 'San José Canner'; 'Schöne von Lothringen'; 'Sieger'; 'Sperls Zukunft'; 'Standard'; 'Stone dwarf'; 'Stonors Exhibition'; 'Stonor's M.P.'; 'Triumph'; 'Trophy scharlachrote'; 'Tuckwoods'; 'Überreich'; 'Uta'; 'Veni Vidi Vici'; 'Victory'; 'Vollendung'; 'Vortreffliche'; 'Westlandia'; 'Wunder des Marktes'; 'Yellow Cherry'; 'Yellow Plum'

Sorten für den Bioanbau 2017 von FIBL empfohlen

'Admiro F1', 'Annamay F1', 'Balee F1', 'Berner Rose', 'Conchita F1', 'Cristal F1', 'Cupido', 'Dolce Vita F1', 'Elegance F1', 'Favorita F1', 'Foronti F1', 'Honey Moon F1', 'Loreta F1

Mini Star', 'Phylovita F1', 'Portento F1', 'Robaigno F1', 'Roterna F1', 'Rugantio F1', 'Sungrape', 'Tomicia F1'

FIBL

Open-Source-Sorten

'Sunviva', 'Vivagrande', 'Vivaroma'

Mitglieder in der Slowfood "Arche des Geschmacks"

Bisher keine

Sorten mit komischen Namen

'Blumenstrauß', 'Nesthäkchen', 'Deutscher Fleiß'

Sorten aus fremden Ländern für Jäger und Sammler

keine gefunden

Auslesekriterien und Saatgutgewinnung

Merkmale "alter" Sorten
  • Größerer Anteil an Fremdbefruchtung durch lange Stempel
  • Reife nach und nach, nicht alle Beeren in einer Traube sind gleichzeitig reif
  • Unordentliche, mehrdimensionale Trauben bei großfrüchtigen Tomaten
  • Durchwachsen der Blütenstände, d.h. die Pflanze wächst an der Blütentraube selbst weiter
  • Reife sehr spät im Jahr, ab August September (teils auch Anbautechnik abhängig)
  • Ertrag geringer (dafür aber auch weniger hungrig nach Dünger)
  • Höherer Säure- und Solaningehalt

Schmecken können sowohl alte Sorten als auch Neuzüchtungen!

Während des vegetativen Wachstums
  • Verzweigungsfreudigkeit, bzw. Neigung zu unerwünschten Geiztrieben
  • Bätterform (Kartoffelförmig, Kleinblättrig)
  • Pilz- und Insektenanfälligkeit (Gurkenmosaikvirus, Mehltau, Fusarium, weiße Fliege, Kraut- und Knollenfäule)
  • Wachstumseigenschaften bei ungünstiger Witterung (Kälteeinbruch, Nässe)
  • Die Empfindlichkeit gegenüber der Kraut- und Knollenfäule ist züchterisch problematisch, weil die Resistenzen sich nur intermediär, das heißt über Hybridzüchtung, ausbilden lassen!!!

 

Während des generativen Wachstums
  • Hitzetoleranz der Blüten, also Temperatur für Fruchtansatz
  • Toleranter Wasserhaushalt: keine Fruchtendfäule und Grünkragigkeit bei schwankender Bewässerungsintensität
  • Anzahl der Blüten pro Traube und deren Stellung in der Traube
  • Fruchtschale: Farbe und Musterung, Dicke
Nach der Ernte in Genussreife
  • Zuckergehalt (Brix-Grad)
  • Säuregehalt
  • Solaningehalt
  • Geht der Kelch einfach ab
  • Lagerfähigkeit (Haltbarkeit: hängt mit Schalendicke und mit Reifegenen zusammen)
  • Fähigkeit Nachzureifen

 

Nach der Ernte des Saatguts

Saatgut von Tomaten unterscheidet sich sortenbedingt sehr in der Größe. Man kann allerdings nicht von der Saatgutgröße auf die Fruchtgröße schließen.

UPOV Test Guideline

No.

44 für Kulturtomaten

294 für Tomatenunterlagen

Vorschlag für unkonventionellen Züchtungsansatz

Zulassen und Aushalten: Vielfalt durch umgelenkte Sortenkreuzungen mittels natürlicher Bestäuber provozieren, solange es schmeckt und man mit dem Ergebnis zufrieden ist.

Technisch-Gentechnische Vergewaltigungs- und Forschungsansätze

Siehe Anti-Matsch zu Long-Life