Adam versus Linné - oder wie die Pflanzen zu ihren Namen kamen

Die Bibel und der "Code of Nomenclature"

In der Bibel steht, dass Adam jedem von Gott geschaffenen Lebewesen einen Namen geben durfte. Und von alters her wird im Namen eine magische Kraft vermutet. In vielen Märchen, z.B. Rumpelstilzchen oder beim Rübezahl bedeutet die Kenntnis des richtigen Namens gleichzeitig Macht über das so benannte Lebewesen.

In der biblischen Schöfpungsgeschichte (Gen 1,26) darf Adam den Gottesgeschöpfen ihre Namen geben ….

Als Kinder haben wir dann auch ein wenig Adam gespielt und unsere eigenen Pflanzennamen vergeben: Den Löwenzahn nannten wir erst Stempelblume, dann Ringelblume und schließlich Pusteblume, denn mit dem Milchsaft konnte man die Haut tätowieren und die Stiele der abgerissenen Blüten ringelten sich in der Vase. Nach der Verwandlung in die Pusteblume hauchten wir die Samen in eine neue Zukunft hinaus und halfen dem Löwenzahn so bei der Verbreitung.

Allein an diesem einzigen Beispiel können wir sehen, dass jetzt schon vier verschiedene Bezeichnungen für ein und dieselbe Pflanze existieren. Dazu kommt, dass die völlig andere Art Calendula officinale vielerorts aufgrund der lustig geformten Samen ebenfalls Ringelblume heißt. Somit sind Verwechslungen einfach vorprogrammiert, denn in jeder Region und in jeder Mundart finden sich lokale Bezeichnungen für Pflanzen. Ganz nebenbei bemerkt: Diese zu sammeln und aufzuzeichnen macht durchaus Spaß.

Da aber sehr früh der Wunsch bei Ärzten und Botanik treibenden Fürsten bestand, sich eindeutig über ihre Sammelobjekte auszutauschen, gab es bereits in der Renaissance Bestrebungen, die Pflanzen einheitlicher zu benennen und zu systematisieren. Wie Menschenkindern wurden ihnen nun vielfach Nach- und Vornamen gegeben, also immer zwei Namen, auf Lateinisch heißt das dann Binom. Basilius Besler (1613) z.B. schrieb zu den im Hortus Eystettensis gezeichneten Gewächsen zwei Namen. Und viele von diesen sind uns als Synonyme bis heute vertraut.

Der Verdienst von Linné war es dann, sich in der Mitte des 18. Jahrhundert die alten Pflanzenbücher vorzunehmen (z.B. von Joseph Pitton de Tournefort 'Corollarium Institutiones Rei Herbariae in Quo'), diese zu durchforsten und sich für ein eindeutiges Binom zu entscheiden, bzw. diese neu zu vergeben x), x). Die Synonyme vergaß er nicht, stellte sie aber hintan. Zudem gruppierte er als Erster die Gewächse anhand der Ähnlichkeiten ihrer Staub-, Frucht- und Blütenblätter, also anhand von sexuellen Merkmalen. Seine Systematik stellte er im Werk 'Systema naturae' vor.

(Das Pflanzen Sex haben könnten, war damals eine sehr anrüchige, gar unmögliche Vorstellung.)

Einige Beispiele für Neustrukturierungen der letzten 30 Jahre: Die Familie Liliaceae wurde aufgeteilt in zwei Familen, nämlich Liliaceae und Alliaceae. Die ehemalige Familie Scrophulariaceae ging in den Plantaginaceaen auf. Anstatt Crucifereae sagt man heute Brassicaceae und anstatt Compositea Asteraceae.

Sicher kam Linné dabei seine Arbeit in diversen Botanischen Gärten sehr gelegen. Seine Professorenstelle in Uppsala verschaffte ihm genügend Zeit zum Schreiben und zum Pflegen der Kontakte in alle Welt zu Naturenthusiasten, die ihn lebenslang mit neuen Pflanzen versorgten. In seinem Werk 'Species Plantarum' legte er dann das Ergebnis seiner Aufräumarbeit vor: Am Ende seines sieben Jahrzehnte währenden Lebens hat er immerhin über 7000 Pflanzen benannt und klassifiziert. Heute gehen Wissenschaftler von 300.000 – 400.000 Pflanzenarten aus, von denen wohl viele trauriger weise vor ihrem, von Menschen verursachten, Aussterben nicht einmal beschrieben sein werden X).

Die von Linné in den Grundzügen entworfene Systematik der Lebenswelt wurde in den folgenden Jahrhunderten präzisiert. Die botanische (binomische) Bezeichnung (Nomenklatur) genannte Taxanomie ist auch heute noch nicht felsenfest geschrieben, sondern ändert sich aufgrund von neueren Erkenntnissen fortlaufend. Darüber wacht das "Ständige Nomenklatur-Komitee", welches nach Abstimmung im alle paar Jahre stattfindenden Internationalen Botanischen Kongress wieder das neue Regelwerk zur Taxanomie veröffentlicht, nämlich den International Code of Nomenclature for algae, fungi, and plants X).

 

Pflanzensystematik - Familien, Gattungen, Arten

Den ersten evolutorischen Stammbaum hat Darwin 1837 selbst gezeichnet nachdem er erkannte, dass sich aus den Ähnlichkeiten Verwandschaftsgrade und somit sogar Entwicklungsgeschichten ableiten lassen  x) Der Teil der Taxanomie, der für uns Gärtner zur Pflanzenzüchtung nützlich ist, besteht glücklicherweise nur aus drei Rangstufen, nämlich aus der Pflanzenfamilie, der Gattung und der Art. Die Ähnlichkeiten der Pflanzen und damit der Verwandtschaftsgrad nehmen von der Familie zur Art hin zu. Dabei sind einer Familie mehrere Gattungen und den Gattungen wiederum mehrere Arten untergeordnet. Bildlich aufgezeichnet entsteht ein dreistufiger Stammbaum (engl. pedigree):

Natürlicherweise kommen Kreuzungen zwischen zwei Arten äußerst selten zustande, d.h. auf natürliche Weise können Pflanzen zweier Arten sich nicht vermehren. Das nennt man Artgrenze. Leider führen neue, gewaltvolle, da nicht artgerechte, Vermehrungsmethoden, wie Embryo-Rescue, dazu, dass Saatgut entsteht, obwohl botanisch von zwei Arten gesprochen wird. Für mich sind das künstliche Hybriden.

Ich lehne künstliche Hybriden ab. Künstlich, da vorab 'Selbstungen' vorgenommen wurden oder der Samenembryo entnommen und im Labor auf Närmedium gewachsen ist. Hingegen spiele ich sehr gerne mit natürlichen Hybriden, d.h. ich beobachte, was die Natur zulässt. Teils provoziere ich sogar Kreuzungen, indem ich eng verwandte Arten (z.B. Tragopogon) oder Sorten (z.B. Radieschen 'Eiszapfen' x 'Halbrot-halbweiß') nebeneinander anbaue.

Die seltenen Fälle natürlicher und stabiler Kreuzungen nannte man historisch 'Bastarde' und heute ebenfalls 'Hybriden'. Natürliche Hybriden (ich nenne sie meine 'Bankerts') entstehen ohne menschliche Gewalt und sind eben -soweit man das glauben mag- Zufallsprodukte der Natur.

Allerdings zeigen auch neuere Bestimmungsmöglichkeiten, z.B. anhand der Genanalyse oder anhand von Inhaltstoffen auf, dass Artgrenzen (früher) vielleicht nicht immer sauber gezogen wurden und in Folge auch immer wieder "nach-" klassifiziert werden muss.

Oft (aber nicht immer!), sind die Samen von Hybriden steril oder werden gar nicht erst angesetzt (wie bei Maulesel bzw. Maulpferd, die keine Fohlen werfen können).
Deswegen spricht man auch nur dann von einer selbstständigen Art, wenn diese sich nicht mit einer stark verwandten Art, unter Bildung von fruchtbaren Nachkommen (den Kindeskindern) erhalten lässt.

Aus den natürlichen Vermehrungsgemeinschaften hat der Mensch nun seit mindestens ca. 15000 Jahren selbst Auslesen betrieben, und diesen speziellen Auslesen hat er wiederum Namen gegeben. Daraus sind erst mal unsere Nutzpflanzen entstanden und später auch das, was wir heute Sorten nennen.

Linne, Carl von (1753); Species plantarum, exhibentes plantas rite cognitas, ad genera relatas, cum differentiis specificis, nominibus trivialibus, synonymis selectis, locis natalibus, secundum systema sexuale digestas; Salvius, Stockholm