Kartoffeln

Erfahrungen aus erster Hand aus Coras Garten

Saat und Pflanzgutgewinnung ganz praktisch

Die Beeren von Kartoffeln entwickeln sich grün und bleiben grün: die Samenreife ist somit schwer zu bestimmen. Deswegen sollten die Beeren möglichst lange nachreifen dürfen.  Das Kartoffelsaatgut ist sehr fein, deswegen bitte Puderzuckersiebe verwenden! Ansonsten geht man zur Gewinnung vor wie bei Tomatillo oder Auberginen: Die Beeren halbieren und mit einem Stößel zerquetschen. Den Mörser, oder das Gefäß mit dem "Fruchtbrei" mit Wasser auffüllen. Die Samen sinken im Gefäß ab, die Fruchtpulpe schwimmt auf und wird abgegossen. So oft wiederholen, bis die Samen am Gefäßboden sauber zu erkennen sind. Dann durch das Puderzuckersieb abgießen und anschließend das Sieb auf ein Filterpapier stoßen, so dass die Samen dort ohne anzukleben, trocknen können. Bei Zimmertemperaturen ca. nach 7 – 14 Tagen sind sie so trocken, dass sie abgefüllt werden können.

Vegetatives Vermehrungsmaterial: Die zur Wiederauslege bestimmten Sprossknollen werden Pflanz- oder Säkartoffeln genannt. Sie werden nach Größe sortiert, z.B. wird die kleinste Sortierung landläufig als "Schusser" bezeichnet. Ein erfahrener Gärtner gab mir mal den Tipp, die Kartoffeln zu wählen, die sich sehr nah bei der Mutterpflanze entwickelt haben (also die ersten). Die gewerbliche Erzeugung von Kartoffel-Pflanzgut ist in der sogenannten "Pflanzkartoffelverordnung (PflKartV)",analog zur professionellen Saatguterzeugung, geregelt. Sie dient dazu, den Landwirt mit garantiert (bzw. zertifiziert) gesunde Pflanzkartoffeln zu versorgen.

Tipps für Erhalter

Vorkeimen: bei hoher Luftfeuchtigkeit, auf jeden Fall hell, lässt man die Kartoffeln in Kisten (auf Zeitungspapier oder Holzsspänen) ausgebreitet für ca. zwei Wochen bei mehr als 10°C treiben. Am besten stellt man die Knollen so in die Kiste, dass die Seite mit den meisten Augen nach oben guckt, bzw. der Nabel nach unten. Die in der Wärme vorgekeimten Kartoffeln sollten vor dem Legen wieder einige Tage abgehärtet werden, indem sie auf die Beet-Bodentemperatur heruntergekühlt werden. Je nach Sorte, keimen Kartoffeln unterschiedlich schnell.

  • Kartoffeln lassen sich über ihre Knollen sortenrein vermehren, das sind botanisch gesehen zu Speicherorganen verdickte Sprosse.
  • Gerade bei der Kartoffel bietet es sich an, über besondere Gemüsemärkte zu schlendern und Ausschau zu halten nach ‘Bamberger Hörnla’ oder rotschaligen Sorten. Allerdings läuft man dann auch Gefahr, oberflächlich gesunde, schon mit Pilzen (Kraut- und Knollenfäule) oder Viren infizierte Sprossen zu erwerben. Bitten Sie darum, die Kartoffeln selbst aussuchen zu dürfen, und nehmen Sie die "Schönsten". Trotzdem, für den Hausgebrauch müssen es nicht unbedingt echte "Pflanzkartoffeln" sein. Diese kosten ein Vielfaches von Genusskartoffeln. Mit Pflanzkartoffeln hat man allerdings die Gewissheit absolut gesundes Vermehrungsmaterial gekauft zu haben!

 

Tipp für den Umgang mit gageligen Dunkel-Keimen (falls man zu lange gewartet hat!): Die Kartoffeln werden vorsichtig mit den langen Keimen an die Seitenwände eines ca. 10 cm tiefen Graben gelegt. Die Keime zeigen dabei schon nach oben. Kartoffeln mit gebogenen, um die Kartoffel herum gewachsenen (10 cm langen) Keimen taugen nicht mehr. Der Graben wird vorsichtig mit Kompost oder Grasschnitt zugedeckt. Erst wenn das Kraut sich gut entwickelt, kann man weiter häufeln.

  • Die besten Pflanzkartoffeln für die nächste Saison sind angeblich die Tochterknollen, welche sich nah an der Mutterpflanze entwickelt haben. Sie sollten die sortentypische Form haben und nicht zu groß sein.
  • Das Zerschneiden von Pflanzkartoffeln ist ungünstig, die Schnittflächen könnten sich infizieren. Trotzdem kann es auch mal Sinn machen, weil man sehr wenige und zudem große Pflanzkartoffeln geerntet hat. Beim Schnitt sollte man drauf achten, dass beiden Kartoffelhälften noch ausreichend Augen bleiben und der Schnitt sollte vor dem Legen etwas Zeit zum Abtrocknen (verkorken) bekommen. An den Schnittflächen bildet sich dann auch wieder schützendes Solanin!
  • Um verhältnismäßig gesunde Kartoffeln auf den Acker zu bekommen, kann man die Äugelmethode anwenden. Dazu schneidet man ein schlafendes Auge kegelförmig aus, etwa so, als ob man ein Hühnerauge aus der Haut entfernen wollte. Dieser Augenkeil wird in steriler Pflanzerde oder einem  Holzasche-Sand-Gemisch angetrieben. Er wurzelt und zeigt nach kurzer Zeit 2 bis 3 Millimeter lange neue Sprosse. Diese können in größere Töpfe umgepflanzt werden. Am Ende eines Sommers erhält man aus solchen Pflanzen kleine, aber feine neue Saatkartoffeln. Man verringert auf diese Weise die Wahrscheinlichkeit Pathogene zu übertragen, da das Auge (das Meristemgewebe) äußerst vital und widerstandsfähig ist und zudem das alte Kartoffelgewebe sich schnell im Boden zersetzt.

Kartoffelstärke sieht unter dem Mikroskop aus, wie kleine Muscheln oder Seepocken. HAUSCHKA (1946) leitet von der arttypischen Stärkeform ab, dass die Kartoffel von der "gigantischen" amerikanischen Landschaft geformt wurde, welche nicht nur riesige Stärkekörner, sondern auch Mammutbäume und meterhohe Kakteen hervorbrachte. Dem gegenüber stellt er die kleinen Reisstärkekörner, welche seiner Ansicht nach die feingliedrige Landschaft des Fernen Osten wiederspiegeln. Ich kann dieser Begründung nicht folgen, denn auch im Fernen Osten gibt es gigantische Gebirge (Mt. Everest) und gelbe Marantibäume mit über 100m Höhe X).

  • Für Experimentierfreudige: ich habe auch schon erbsengroße Licht-Keime von Kartoffeln vorsichtig abgebrochen und in einem separaten Topf eingepflanzt. Auf einem Feld oder Beet haben sie keine Chance, in der gärtnerischen Obhut aber schon.
  • Wenige der heutigen Sorten fruchten noch. Zudem sind Kartoffeln überwiegend Selbstbestäuber. Natürliche Inzucht ist sozusagen vorprogrammiert. Dennoch werden die Blüten von Insekten besucht und natürliche Kreuzungen können vorkommen.
  • Die indigene Bevölkerung der amerikanischen Hochländer fördert die Formenvielfalt, indem sie regelmäßig wilde Kartoffeln in/neben den Feldern blühen und damit eine Kreuzung bewusst zuließen. Unter den ursprünglicheren Kartoffeln gibt es auch solche, die noch mehr auf Fremdbestäubung angewiesen waren.

Anbautipps für Gärtner und Köche

Der wohl bekannteste Anbautipp zu Kartoffeln wurde in einen Vers gedichtet: "Steckst Du mich im März, treibst du mit mir Scherz; steckst Du mich im April, dann komm ich wann ich will; steckst Du mich im Mai, ja dann komm i glei!"

  • Nicht jede Kartoffelsorte mag jeden Boden (auch wenn das seit dem zweiten Weltkrieg ein erklärtes Zuchtziel ist). Es gibt Sorten, von denen bekannt ist, dass sie sandige oder torfige oder lehmige Böden bevorzugen. Der Boden hat einen großen Einfluss auf den Geschmack der Knolle. Es macht also Sinn erst mal zu probieren, was auf dem eigenen Boden am besten und leckersten wird, anstatt aufgrund klingender Namen Sorten auszuwählen. Nahrungssouveränität bedeutet genau das: "Iss, was Dir schmeckt; egal ob selten oder häufig". Außerdem, wie oft ist es schon vorgekommen, dass etwas was der Bevölkerung gut schmeckte und häufig angebaut wurde, durch den Züchter vom Markt genommen wurde? Ich erinnere da nur an das Schicksal der Kartoffelsorte 'Linda', welche nur überlebte, weil ein Landwirt sich für sie engagierte: Rettet Linda (Karsten Ellenberg).

  • Kartoffeln können in unseren Böden den Winter überstehen. Sie keimen und wachsen bei Bodentemperaturen ab 15 °C. Bodentemperaturen über 20 °C und Sommertage mit über 30 °C mögen die Hochlandgewächse nicht. Um bereits im Juni frische Kartoffeln zu erhalten, kann man sie ab März auch im Frühbeet, bzw. Mistkasten anbauen.

  • Im 19. Jahrhundert war es Usus die 10 – 15 cm langen Triebe auseinanderzuspreizen (felgen nannte man das oder Gülichsche Kartoffelbaumethode) und erst dann anzuhäufeln. Das Häufeln wurde bei trockenem Boden durchgeführt. Auf sandigen Böden wurde weniger stark gehäufelt als auf schweren Böden (GROSS 1841, LUCAS 1846).

  • Heutzutage lohnt sich bei Kartoffeln die Abdeckung mit Vlies für einen Entwicklungsvorsprung, denn unter dem Vlies wird der Boden 1 bis 1,5 °C wärmer, das ist im Frühjahr enorm.

LUCAS (1846): Die in neuerer Zeit empfohlene Gülichsche Kartoffelbaumethode hat sich hier in Reutlingen sehr bewährt und viele, schöne und lauter gesunde Knollen geliefert. Es werden die Triebe der Kartoffeln beim Behäufeln auseinander gebogen und der untere Theil derselben mit Erde bedeckt.

  • Ob Sie die Kartoffeln auf Dämmen anbauen, bleibt Ihrer Gießfreude überlassen, denn mehr Wasser brauchen die Knollen dann schon. Die Kultur klappt aber fast genauso gut ohne das Anhäufeln. Angeblich bilden die Kartoffeln angehäufelt mehr Knollen. Sicher ist hingegen, das regelmäßige Kontrolle und nachhäufeln zu weniger grünen Knollen führt.

  • Die meisten Knollen werden erst gebildet, wenn die Tage wieder deutlich kürzer werden, also so ab August (ausgenommen Frühkartoffeln, deren Entwicklungszyklus ist verschoben).

  • Trotzdem kann man auch von den späten Sorten erste kleinere "Frühkartoffeln" oft schon Ende Juni für die Küche ausgraben.

  • Die besten Lagerkartoffeln erntet man spät im Jahr, dann hatten die Knollen Zeit ausreichend Rinde (Schale) zu bilden.

LANGE (1912): "Die Kartoffelkrankheit ist zu vermeiden durch Auswahl schöner mittelgroßer Pflanzware, Bezug derselben aus der Ferne und von anderm Boden, Fruchtwechsel auf dem Lande, womöglich Wechsel in den Sorten und, wenn sie dennoch eintritt, durch Vermeidung der Kartoffelkultur für zwei bis drei Jahre."

  • Wenn Kraut- und Knollenfäule auftritt, dann nimmt man das kranke Kraut vor der Ernte vom Feld (bis in die 80er wurde es in den weithin stinkenden "Kartoffelfeuern" verbrannt, die ich aus meiner Jugend kenne). Dann belässt man die Kartoffeln noch mindestens 2 Wochen, besser einen Monat im Boden und erntet sie erst dann.

  • Verletzte Knollen oder solche, die durch Drahtwürmer oder Queckenwurzeln durchbohrt wurden, müssen separiert und sofort gegessen werden.

  • Kartoffelwasser (insbesondere das Kochwasser von Pellkartoffeln oder noch besser von grünen Schalen) hat eine schwach insektizide Wirkung, da das Solanin aus den Schalen hitzebeständig aber wasserlöslich ist (nicht gegen Kartoffelkäfer, denn die sind immun).

Wer mit wirklich alten Sorten oder mit Wildarten experimentiert, der muss Kartoffeln grundsätzlich schälen und vor dem Kochen bereits alle grünen Stellen sorgfältig wegschneiden, weil der Solaningehalt bei solchen Sorten höher sein kann. Mit modernen Sorten kann man sich hingegen praktisch nicht mehr vergiften.

 

 >> Zurück zu Nachtschattengewächse